Der „Falken“ wird gebaut
Die Gründung des Kantons Baselland gab Wirten neue Perspektiven: Mit dem ersten Baselbieter Wirtschaftsgesetz vom 23. Dezember 1835 fiel das Monopol der vier Liestaler Gasthofbesitzer weg; vom neuen Travernenrecht profitierte 1836 Johannes Handschin aus Gelterkinden. Er kaufte Gartenland, das an der heutigen Rheinstrasse gelegen war, baute „eine Behausung von Stein mit Ziegeldach“ und erhielt für seinen „Gasthof zum Falken“ das Travernenrechtspatent.

Er kaufte noch weiteres Land hinzu und errichtete einen Stall sowie eine Scheune. 1843 übergab er den Besitz in die Hände von Heinrich Buser. Dieser errichtete 1846 ein drittes Gebäude, das aus „Scheune, Heubühne, Tanzsaal, Zimmern, Remise aus Stein, Schweineställen und einem Gerätschaftsgemach“ bestand. An die alten Stallungen wurden ein Wasch- und ein Brennhaus angebaut.

 Kurgäste suchen Entspannung im Solbad
Einige Jahre später erstellte Eigentümer Buser ein Badehaus. Der Bau des Tanzsaals trug mit dazu bei, dass der „Falken“ im geselligen Leben von Liestal eine wichtige Rolle spielte. Aber der Bau der Zentralbahn in den fünfziger Jahren leitete immer mehr den Reisendenverkehr von der Landstrasse weg. Nicht weit vom „Falken“ entfernt, war an der Landstrasse das Gasthaus zur Eintracht entstanden.

Der Wirt überraschte mit einer neuen Geschäftsidee: mit der Einrichtung von Bädern konnte Buser Kurgäste anziehen. So entwickelte sich der Gasthof zum „Solbad Falken“ und zog wie das Bad Schauenburg, das seit 1644 als Bad bestanden hatte, viele Badegäste besonders aus dem Elsass an. Die Sole kam von dem nahegelegenen Ort Schweizerhalle. 1870 übernahm Sohn August den „Falken“ für 90'000 Franken und setzte die Umbau- und Erweiterungsbauten fort. Das Gelände umfasste inzwischen 88 Aaren. Eine Promenade erstreckte sich von der Rheinstrasse bis zur Sichternstrasse. Als er von 17 Rebbergbesitzern am Schleifenberg Land zur Pflege gratis erhielt, legte er weitab vom „Falken“ eine weitere Promenade an. Der „Falken“ galt nun als das bedeutendste Hotel in Liestal.

Der Niedergang des bedeutendsten Hotels in Liestal
Aber die Zeit der grössten Blüte schien bereits vorbei gewesen zu sein, und die zweite Generation der Familie Buser hatte offenbar in zu grossen Dimensionen gebaut. 1874 springt die Frau von August Buser als Retterin ein und übernimmt den Besitz. Sie starb im Alter von 44 Jahren als Witwe.

Das Solbad ging an ihre Mutter über, sie verkaufte es aber vier Jahre später an ihre Enkelin Ursula Buser, die im „Falken“ lebte und mit Major Friedrich Gertsch verheiratet war, der später in der Schweiz „eine gewisse Berühmtheit erlangte“. Da die junge Frau schon nach zwei Jahren starb, trat zunächst ihr Gatte die Liegenschaft zum Preis von 170'000 Franken an. Weil sich aber die Hypotheken nicht verringerten und die Konkurrenz des wenige Jahre zuvor erbauten Kurhauses und Solbades Bienenberg immer fühlbarer wurde, musste Gertsch 1894 die Liegenschaft an eine Aktiengesellschaft verkaufen.


Dass der militärische Gastwirt von seinem Personal militärische Gepflogenheiten verlangte und es am Morgen und am Abend zum Hauptverlesen antreten liess, hatte die finanzielle Lage des Besitzers nicht verbessert, und so ging auch die Schuldenlast an die Aktiengesellschaft über. Die Aktiengesellschaft konnte allerdings den Niedergang des „Falken“ nicht mehr aufhalten. 1889 erwarb Eduard Iffrig Hotel und Solbad, doch bereits zwei Jahre später musste er an Louis Roth-Tüller mit Verlust verkaufen.

Die Liquidation ist unvermeidlich
1910 kaufte Peter Bosson-Urech aus Winterthur den „Falken“. Innerhalb von drei Jahren traten nicht weniger als drei Frauen die Pacht an. 1913 schrieb der Gatte der dritten Pächterin in einem Gesuch um die Ermässigung der Patentgebühr dem Regierungsrat: „Seit der Übernahme des Betriebes habe ich konstatiert, dass die Einnahmen in keinem Verhältnis mit den Lasten des Unternehmens stehen. Wir haben kolossale Mühe, den Betrieb nur einigermassen zu gestalten und dies unter äusserster Beschränkung der Betriebskosten wie Personal etc. Durch die wiederholt schlechten Sommer kann ich den Park nicht verwerten. Weiter gebe ich der allgemeinen Geschäftslage schuld an dem so flauen Verkehr.“ Der Erste Weltkrieg verschärfte die krisenhafte Lage des Liestaler Solbades, weil die ausländischen Badegäste fernblieben. Nachdem Bosson eine Zeitlang selbst den Gasthof hat führen müssen, gab er 1917 auf und verkaufte alles dem Geschäftsmann Hans Strübin-Köchlin. Der Verkaufspreis lag weit unter dem Wert der Häuser und des Grund und Bodens. In den beiden folgenden Jahren zerstückelte der neue Besitzer die Liegenschaft. Der neue Falkenwirt sicherte sich das Tavernen-Wirtschaftspatent, beschränkte sich aber auf den Betrieb eines Restaurants.

Erstes alkoholfreies Gasthaus im Kanton Baselland
1925 kaufte der Gemeindestubenverein Liestal den „Falken“. Er stellte sich ganz neue Aufgaben: Er führte nicht nur einen „alkoholfreien Wirtschaftsbetrieb ohne Trinkzwang und Trinkgeld, sondern hatte auch das kulturelle Leben Liestals zu befruchten“. Von Anfang an veranstaltete der Verein „volksbildende Vortragszyklen mannigfaltiger Art“ und lud ab 1928 jährlich alte Liestaler Männer und Frauen zu einem Weihnachtsfest ein.

Ausserdem stellte er Vereinen und Institutionen mit ideellen, gemeinnützigen und kulturellen Zielen Räume für Sitzungen, Vorträge und Kurse zur Verfügung. Ein Raum wurde zu einem heimeligen Lesezimmer eingerichtet. An die Stelle der Soldatenstuben während des Ersten Weltkrieges war in der Friedenszeit die Gemeindestube getreten. Mit seinen uralten Möbeln nahm sich freilich das alkoholfreie Speiserestaurant bescheiden aus. 1928 richteten Helfer auf dem Dachboden eine einfache Jugendherberge ein, und 1930  renovierten sie die Küche. Ein Jahr später wurden die Räume im zweiten Stockwerk nicht mehr als Wohnung oder Büro verwendet, sondern an Passanten oder Pensionäre vermietet. So war also der „Falken“ der erste alkoholfreie Gasthof im Kanton Baselland.

Einschränkungen durch Wirtschaftskrise und Zweiten Weltkrieg
Die ständig zunehmende Zahl der Mittagsgäste und die wachsende Nachfrage nach Sitzungszimmern zwangen den Gemeindestubenverein, 1932 die Gaststube um ein Büro zu vergrössern und an der Hinterfront des Hauses einen einstöckigen Anbau zu erstellen. Hier wurde ein kleiner Saal untergebracht, der von einer Schiebewand mit der Gaststube getrennt war, bei Bedarf konnte ein grosser Saal mit Theaterbühne angeboten werden. Unmittelbar danach setzte die grosse Wirtschaftskrise ein, ihr folgte der Zweite Weltkrieg. Anschaffungen und Reparaturen mussten sich auf das Notwendigste beschränken.


Der Aufschwung des „Falken“
Nach dem Krieg, als sich die Hochkonjunktur auszuwirken begann, war es möglich, Renovationen vorzunehmen und zur Erleichterung des Personals Maschinen anzuschaffen. 1948 und 1956 erfolgten grössere Umbauten und Erweiterungen. Unter anderem verband ein Warenlift das Erdgeschoss mit dem gewölbten Keller und dem ersten Stockwerk. Im grossen Saal fanden nun 140 Personen Platz. 1953 erhielt der „Falken“ ein künstlerisch gestaltetes Aushängeschild.

Heinrich Buser, ein Nachkomme des zweiten Falkenwirts, vermachte 1954 dem Gemeindestubenverein 10'000 Franken für die Renovation als Dank dafür, dass dieser dem einstigen renommierten Gasthof und Solbad wieder einen guten Namen verschafft und dem „Falken“ zu neuem Aufschwung verholfen hatte. Die Zahl der Gäste und der Veranstaltungen stieg an. Lokale und kantonale Organisationen veranstalteten Anlässe mit „gemeinnützigen, sozialen, ideellen, volksbildenden, religiösen und alkoholgegnerischen Zielen". 1966 hielt der Vorstand zum 40-Jahr-Jubiläum des Gemeindestubenvereins fest, dass sich „alle Schwierigkeiten überwinden lassen, besonders wenn es sich darum handelt, eine Institution mit ideellen und nicht nur wirtschaftlichen Zielen zu erhalten“.

Keine Fortsetzung der Defizitwirtschaft
1995 traf der Gemeindestubenverein eine gravierende Entscheidung. Er befand sich in einer schwierigen Situation: der Verein war überaltert, es gab keine Nachfolger für Vorstandsämter, und es fehlten die Kraft und gesellschaftlichen Verbindungen, um aktuellen sozialen Notlagen zu begegnen, um an die Absicht der Gründergeneration auf eine zeitgemässe Weise anknüpfen zu können. Die Liegenschaft Falken befand sich zwar in einem guten Zustand, aber die Gästezahl war kontinuierlich zurückgegangen – in Liestal gab es ein Überangebot an Hotelzimmern. Der Vorstand wollte eine „Fortsetzung der Defizitwirtschaft“ nicht verantworten.

Eine Erbschaft führt zu völlig neuen Überlegungen
Ein einmaliger Umstand verhinderte einen überstürzten Verkauf: Ein Jahr zuvor war im hundertersten Lebensjahr die langjährige Aktuarin Dora Gysin gestorben, sie war die Tochter der Initiantin und Mitbegründerin der Gemeindestube. In ihrem Testament hatte sie den Gemeindestubenverein Liestal zum Haupterben ihres Nachlasses eingesetzt. Der Verein sollte demnächst eine Erbschaft im Wert von 200'000 Franken erhalten. Dr. Rita Buser, die damalige Vorsitzende, zog folgende Konsequenz daraus: „Das hochherzige Vermächtnis gab dem Vorstand in ausweglos scheinender Situation die Richtung seines Handelns an:

Die materiellen und ganz besonders die ideellen Werte, die er zu verwalten hat, verpflichten ihn, das ursprüngliche Ziel auch für die Zukunft zu verfolgen und eine Lösung ins Auge zu fassen, welche den Weiterbestand des alkoholfreien Restaurants und die gemeinnützige Nutzung der Liegenschaft sichert, bevor es dafür aus finanziellen Gründen zu spät ist, und so den Willen der Gründerin, der Erblasserin und aller, die im Lauf der Jahrzehnte so viel Zeit und Kraft für den Falken eingesetzt oder ihn finanziell unterstützt haben, zu erfüllen.“

Schenkung ans Blaue Kreuz ist einzig sinnvolle Lösung
Der Vorstand ging davon aus, dass ein Verkauf oder eine Verpachtung des Falken zum Ende des Restaurants als alkoholfreier gemeinnütziger Betrieb und ausserdem zu hohen Steuer- beziehungsweise Investitionskosten führen würde. Der einzig sinnvolle Weg schien eine Schenkung zu sein. Allerdings müsste die Schenkung an einen anderen gemeinnützigen, also steuerbefreiten Trägerverein gehen, der ähnliche Ziele verfolgt. Als „idealen Partner“ kam das Kinder- und Jugendwerk Blaues Kreuz BL in Betracht: ein christlich orientierter, parteipolitisch und konfessionell neutraler Verein, der sich der Suchtprävention und Alkoholismus-Prophylaxe widmet. In der Schenkungsurkunde wurde festgehalten, dass der "Falken" weiterhin ein alkoholfreies Restaurant bleibt. Die Schlüsselübergabe fand am 29. August 1995 statt.

Der Falken in den Schlagzeilen
In den ehemaligen Hotelzimmern entstand 1996 das „Falkennest“, eine Unterkunft für Jugendliche in Krisensituationen. Im Haus wurden eine Geschäftsstelle und eine Jugendberatung eingerichtet. Ein neues Wirteehepaar leitete das Restaurant. Von 1996 bis 1999 lebten 14- bis 18-Jährige in einer Jugendwohngruppe im "Falken". 1999 wurde ein neues Konzept eingeführt und eine begleitete Wohngemeinschaft für 18- bis 30-Jährige eröffnet. Als sich 2002 aus dem Verein Kinder- und Jugendwerk die Stiftung Jugendsozialwerk Blaues Kreuz BL formierte, war die neue Stiftung zukünftig Eigentümerin der Liegenschaft.

 In der Nacht auf den 8. Juni 2004 schlugen lichterloh die Flammen aus dem Dachstock. Dieser wurde vollständig zerstört, in den unteren Stockwerken entstanden grosse Wasserschäden, Personen kamen nicht zu Schaden. Die Brandursache ist auf Brandstiftung zurückzuführen.

Die Bewohner des "Falkennest" konnten übergansweise in einem anderen Haus untergebracht werden. Das Restaurant musste seinen Betrieb während der einjährigen Sanierung schliessen. Die Geschäftsstelle fand im Haus nebenan ein neues Domizil. Im Mai 2005 konnte das Restaurant wieder die Türen öffnen, das "Falkennest" bezog im November 2005 neu zwölf Zimmer. Eine Erweiterung der Wohngemeinschaft Falkennest auf 15 Zimmer im September 2009 hatte zur Folge, dass die Geschäftsstelle der Stiftung Jugendsozialwerk Blaues Kreuz BL mit den Arbeitsintegrationsprogrammen am Standort Pratteln eingerichtet wurde.

Unter der Regie von Küchenchef Peter Rüfennacht finden im Restaurant "Falken" immer wieder öffentlichkeitswirksame Aktionen statt, an denen sich unter anderem Prominente für das soziale Anliegen des Jugendsozialwerk einsetzen.


 


Quellen:
Dr. O. Rebmann, „Aus der Geschichte des Gasthofes zum „Falken“.
Protokoll der Mitgliederversammlung des Gemeindestubenvereins vom 26. Juni 1995.